Übersicht zu Primärversorgungsmodellen in Deutschland

Im Koalitionsvertrag der CDUCSU-SPD Regierung setzen die Parteien „auf ein verbindliches Primärarztsystem bei freier Arztwahl durch Haus- und Kinderärzte in der Hausarztzentrierten Versorgung und im Kollektivvertrag“.

Meine Kollegin Susanne Pruskil (MHB Fontane) und ich haben in der Zeitschrift „Public Health Forum“ einen Übersichtstext zu den aktuellen Entwicklungen in der Primärversorgung veröffentlicht.

Zusammenfassung

Mit einigen gesetzlichen und sozialrechtlichen Maßnahmen haben der Bundestag sowie die gemeinsame Selbstverwaltung der Ärztinnen und Ärzte und der Gesetzlichen Krankenversicherung in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine zunächst verhaltene, aber nunmehr kaum noch überschaubare Blüte von neuen (primär-)ärztlichen Versorgungseinrichtungen ermöglicht, ergänzt um Gesundheitskiosk-artige Konzepte, die keine ärztlichen Leistungen erbringen. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Entwicklung.[…]

Wir hoffen, die Diskussion um ein Primärversorgungssystem in D weiterzubringen – und die Vielfalt der Entwicklungen zu zeigen.

Zimmermann T,  Pruskil S (2025). Modelle, Konzepte, neue Wege der Primärversorgung in Deutschland. Public Health Forum, 33(4); 282-287. 

https://doi.org/10.1515/pubhef-2025-0106

Der Text ist bei DeGruyterBrill open access verfügbar und im Rahmen einer Textsammlung „Integrierte Ansätze für die Öffentliche Gesundheit“ erschienen.

https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/pubhef-2025-frontmatter4/html

Silostruktur der deutschen Sozialgesetzgebung

Diese Grafik veranschaulicht die parallelen Strukturen der deutschen Sozialgesetzgebung und wie sie durch politische Entscheidungen befüllt werden. Wahrscheinlich gibt es demnächst den ersten Bachelor-Studiengang: Das deutsche Sozialgesetzbuch.

Der Reformbedarf und eine Integration sind dringend erforderlich.

Gesundheitskiosk in Solingen eröffnet

Ende September 2023 wurde in der Stadt Solingen in NRW ein weiterer Gesundheitskiosk eröffnet. Hier haben sich die Stadt Solingen, die AOK Rheinland-Hamburg, die Bergische Krankenkasse sowie das lokale Ärztenetz solimed zusammengetan, um im früheren Impfzentrum niedrigschwellig zu beraten, zu lotsen, zu begleiten – oder im besten Fall Krankheit zu verhindern.

Inzwischen sind vier Standorte in NRW (Köln, Aachen, Essen und nun Solingen) und drei Standorte in Hamburg (Billstedt, Horn, Mümmelmannsberg) aktiv – vorangetrieben und kofinanziert vor allem durch die AOK Rheinland-Hamburg.

Der neue heiße Scheiß – ChatGPT

Die im Beta-Status freigelassene Chatumgebung ChatGPT (Chat Generative Pre-Trained Transformer) von OpenAI hat auch mich in den Bann gezogen. Seit ich mich Mitte der 1990er Jahre erstmals via Telnet mit dem Chatterbot ELIZA ausgetauscht habe, faszinieren mich responsive Umgebungen, die (nahezu) unvorhersehbar reagieren.

ELIZA war in den 1960ern von Joseph Weizenbaum gecodet worden, um seinen Informatikstudierenden das Objekt-orientierte Programmieren näher zu bringen. Dass er damit einen beziehungsfähigen Algorithmus erschuf, war anfänglich nicht mal Weizenbaum selber klar. Immerhin räumte er ein, dass der gesprächspsychotherapeutische Ansatz, wie er von Carl Rogers entwickelt worden war, als Blaupause für die Responsiveness von ELIZA gedient hatte. Den Turing-Test allerdings konnte ELIZA nicht bestehen.

Zu der Zeit in den 1990ern waren auch so genannte Multi-User Dimensions (MUDs) ein großer heißer Scheiß, auf die sich die Nerds der Zeit stürzten: Welten bauen, Figuren erschaffen, Rollen spielen. Alles auf ASCII, die Bilder entstanden zwischen den Ohren. Umgebungen, in denen Rollenspielcharaktere text-basierte Phantasiewelten erschufen. Figuren bewegen, die Gesetze der Physik außer Kraft setzen und andere User mit Tricks, Zauberwerkzeugen oder Rätseln in der Umgebung halten. Die Grundlagen des Metaversums und der Avatare wurden unter anderem in den MUDs entwickelt. Neal Stephenson lieferte 1992 die Textgrundlage: „Snow Crash“.

Social Media haben uns das Spielen von Rollen weiter erleichtert. Und die Umgebungen mit ihren Algorithmen ziehen uns magisch hinein in ihre Welten. Die Aufmerksamkeit zu fesseln, gehört zur DNA der rasanten digitalen Umwälzung, von ELIZA bis Facebook und TikTok.

Nun also ChatGPT.

Geht damit Wissenschaft? – meine Frage heute, über die Responsiveness hinaus. Turing könnte das Ding vielleicht schaffen, aber ich zweifele.

Fünf erste Erkenntnisse zu ChatGPT:

1. Ein Zeitgrab.
2. Don’t trust – das Ding erfindet doi und url, wenn der Nutzer solche Links anfordert.
3. Das Ding ist eine Über-KI, die auch Heuristiken und Schätzungen zu den eigenen Chatverläufen abgibt, anstatt sie einfach sortiert zusammenzufassen.
4. Die KI ist kreativ, aber for sure keine Suchmaschine (was auch niemand je behauptet hat, der an der Entwicklung beteiligt war).
5. Um die Bot auszuprobieren, sollte ein Thema gewählt werden, mit dem die User sich einigermaßen auskennen. Dann fällt die Verschleierungsmasche eher auf – bzw. das Ergebnis der eingebauten Höflichkeit, möglichst häufig eine Antwort Im Sinne der User zu produzieren.

Alles in allem: Wer sich darauf einlässt, hat viel Spass und kann einiges lernen, aber Zeit braucht der Konversation auf jeden. Zwar ist die Beziehung zu ChatGPT kaltstartfähig, aber der Bezug zu den inneren Werten eröffnet sich auch hier erst im Laufe der Zeit.

Gesundheitskioske in Essen eröffnet

In NRW wurden weitere Gesundheitskioske eröffnet.

Diesmal gelang es in Essen, gleich mit zwei Standorten in Altenessen (Alte Badeanstalt) und in Katernberg zu starten.

Die AOK Rheinland/Hamburg, der Caritas-SkF-Essen gGmbH (cse) sowie das Sport- und Gesundheitszentrum Altenessen e.V. und das Ärztenetz Essen Nord-West e.V. haben eine gemeinsame Betreibergesellschaft gegründet, um ein niedrigschwelliges Beratungsangebot für Gesundheits- und Präventionsthemen sowie die Begleitung innerhalb des komplexen Versorgungssystems zu ermöglichen.

Gesundheitskiosk in Aachen eröffnet

In Aachen ganz im Westen der Republik hat eine Kooperation der Städteregion Aachen, zu der weiterere zehn Kommunen gehören, und der AOK Rheinland/Hamburg zur Eröffnung eines weiteren Gesundheitskiosks geführt.

Ab sofort können in den Arkaden Aachen niedrigschwellige Beratungsangebote wahrgenommen werden.

Geplant ist, Möglichkeiten der Begleitung und Lotsung in die gesamte Städteregion auszuweiten – um auch die Menschen im regionalen Umfeld Aachens daran teilhaben zu lassen.

Positive Beschlussempfehlung: Gemeinsamer Bundesausschuss zum Gesundheitskiosk Billstedt/Horn

Es gibt nun endlich eine Stellungnahme und einen Beschliuss des G-BA zum Innovationsfondsprojekt Gesundheitskiosk Billstedt/Horn.

https://innovationsfonds.g-ba.de/downloads/beschluss-dokumente/138/2022-02-16_INVEST_Billstedt.Horn.pdf

Der Beschlusstext des G-BA liest sich verhalten, lässt aber dennoch hoffen, dass die Kostenträger (Gesetzliche Krankenversicherungen) sich einen Ruck geben und diese wohnortnahen Versorgungsangebote in deprivierten großstädtischen Regionen zukünftig unterstützen werden.

Im Beschlusstext ist viel von prüfen, bitten und empfehlen die Rede. Am Ende ist die Stellungnahme aber dennoch wohlwollend genug ausgefallen, um das Format mit Kostenträgern und Kommunen weiterentwickeln zu können.

Unter dem Link zur G-BA Seite sind auch der Evaluations- und der Abschlussbericht einsehbar.

https://innovationsfonds.g-ba.de/beschluesse/invest-billstedt-horn-hamburg-billstedt-horn-als-prototyp-fuer-eine-integrierte-gesundheitliche-vollversorgung-in-deprivierten-grossstaedtischen-regionen.59

Zwar haben sich die meisten Patient:innen-relevanten Outcomes und Indikatoren als eher unverändert erwiesen, was aber womöglich a) dem insgesamt sehr kurzen Evaluationszeitraum und b) der beginnenden Pandemie im Evaluationsjahr 2020 geschuldet ist. Die Arbeitsbelastung der beteiligten Ärzt:innen ist nicht gesunken, und deren Arbeitszufriedenheit ist nicht gestiegen. Dennoch nun diese positive Stellungnahme.

Es gibt ein Reihe von anderen Aspekten, die hier wohl den Ausschlag geben. So war die Aufnahme in den Stadtteilen Billstedt, Horn und Mümmelmannsberg sehr positiv. Von der Bevölkerung und den Betroffenen wurde das Projekt stark getragen. Zudem hat sich die Vernetzungsarbeit im Stadtteil ebenfalls als sehr wertvoll erwiesen. Diese wichtige Komponente zielte u.a. darauf ab, im sozialen Hilfesystem auf keinen Fall doppelte Strukturen entstehen zu lassen und enge Kooperationsstrukturen aufzubauen.

Lehrbuch Allgemeinmedizin erschienen

Dieser Tage ist ein neues Lehrwerk für das Fach Allgemeinmedizin erschienen. Da ich in einer allgemeinmedizinischen Abteilung arbeite, dessen Chef Mitherausgebender des Werkes ist, hatte ich die Gelegenheit, zwei Kapitel beizutragen.

In Kapitel 9 stelle ich gemeinsam mit Martin Scherer das Gesundheitssystem in Deutschland dar – mit speziellem Blick auf die ambulante, und darunter die hausärztliche Versorgung. Von Strukturmerkmalen über die Selbstverwaltung der beteiligten Akteur:innen (Kassenärztliche Vereinigung KV; Gemeinsamer Bundesausschuss G-BA) bis zu hausarztzentrierten Versorgungsmodellen spannen wir den Bogen

In Kapitel 10 geht es um die konkrete Anwendung von Maßnahmen und Methoden, die das Selbstmanagement fördern helfen. Meine Kollegin Sarah Porzelt und ich beschreiben Interventionen, die im Alltag einer hausärztlichen Praxis hilfreich sein können: Vom Ansatz, motivierend Gespräche zu führen, über die 5 A’s (Ask, Advise, Agree, Assist, Arrange) bis zur Anwendung von Zielerreichungsskalen.

Insgesamt bringt das gewichtige Werk 2,75 kg auf die Waage, enthält 932 Druckseiten in insgesamt 112 Kapiteln. Allein das Register umfasst 27 Seiten. Der allgemeinmedizinische Hauptteil verlässt die klassische Darstellung von Erkrankungen entlang von Organssystemen. Vielmehr rücken hier Leitsymptome, oftmals zunächst unspezifische Beschwerden ins Zentrum, die häufige Beratungsanlässe in der allgemeinmedizinisch-internistisch-hausärztlichen Versorgung sind: Halsschmerzen, Beinschmerzen, Schluckbeschwerden, Hautirritationen – oder ein auffälliges Labor wie es bei erhöhten Leberwerten der Fall ist.

Das Lehrbuch kostet €119, und ist bei den einschlägigen Buchhändlern zu beziehen, um die Ecke genauso wie auf der Verlagswebseite.

Der Bundestag entmachtet sich selbst

Wann tritt das Deutsche Parlament (@Bundestag) @spdbt @GrueneBundestag @AfDimBundestag @fdpbt @cducsubt@Linksfraktion zusammen, damit #Infektionsschutzgesetz https://gesetze-im-internet.de/ifsg/__28a.html aktuellen Zusammenhängen von #Inzidenz #Impfquote #Hospitalisierungsrate gerecht wird?

Heute liegen 14 Land-/Stadtkreise oberhalb der magischen #Inzidenz 50/100K, z.B. LK #Pinneberg u SK #Neumünster. #Hamburg steigt @RKI auf 49,2. Was nun, was tun? @Bundestag. Erst #Gastronomie schließen, dann die #Schule (wieder) zu?

Das #IfSG sieht vor: „Bei Überschreitung eines Schwellenwertes von über 50/100K Einwohner innerhalb von sieben Tagen sind umfassende Schutzmaßnahmen zu ergreifen, die eine effektive Eindämmung des Infektionsgeschehens erwarten lassen.“ @Bundestag

„Bei Überschreitung eines Schwellenwertes von über 35/100K Einwohner innerhalb von sieben Tagen sind breit angelegte Schutzmaßnahmen zu ergreifen, die eine schnelle Abschwächung des Infektionsgeschehens erwarten lassen.“ @Bundestag

#Monsterversäumnis, @Bundestag, hier inaktiv geblieben zu sein. Hier entmachtet sich #Demokratie, #Parlament @ its worst. Wer #Politikverdrossenheit will, dem liefert die Berufspolitik. Bedauerlich. @spdbt @GrueneBundestag @AfDimBundestag @fdpbt @cducsubt @Linksfraktion

Primäre Gesundheitsversorgung

EIn Beitrag für die Webseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention.

Primäre Gesundheitsversorgung / Primary Health Care. https://www.leitbegriffe.bzga.de/systematisches-verzeichnis/wissenschaftliche-perspektiven-bezugsdisziplinen-theorien-und-methoden/primaere-gesundheitsversorgung-primary-health-care/ doi:10.17623/BZGA:224-i096-1.0